In der Nacht vom 4. auf den 5. August brannte Kiew. Nicht die Außenbezirke. Das logistische Herz des Landes.

Achtundzwanzig Raketen. Einhundertfünfzehn Drohnen. Sirenen heulen über der Hauptstadt. Und am Boden stürzen Lagerhäuser in Flammen zusammen — Rozetka, Nova Poshta, Epicentr. Namen, die jeder Ukrainer kennt.

Warum diese Ziele? Warum das ukrainische Amazon angreifen, das nationale Postnetzwerk, einen Baumarkt? Weil der Krieg seinen Charakter verändert hat. Russland zielt nicht mehr nur auf die ukrainische Armee. Es zielt auf das, was sie am Laufen hält.

Der Angriff

Die ukrainische Luftwaffe behauptet, 21 Raketen und 97 Drohnen abgefangen zu haben. Eine Abfangquote, die auf dem Papier an Exzellenz grenzt.

Doch die Schäden am Boden erzählen eine andere Geschichte. Brennende Lagerhäuser. Ausgeweidete Infrastruktur. Hunderttausende Quadratmeter in Asche gelegt. Mehrere Geschosse durchbrachen die Abwehr. Und die, die durchkamen, mussten nicht zahlreich sein, um massive Schäden zu verursachen.

Die offizielle Erklärung spricht von Abfängen. Die Flammen sprechen von Einschlägen.

Die Ziele

Rozetka. Einhunderttausend Quadratmeter. Einhunderttausend Bestellungen pro Tag. Das ukrainische Amazon. Zerstört.

Iryna Chechotkina, Mitbegründerin des Unternehmens, fand die richtigen Worte: „Ich sah alles, wofür ich mein ganzes Leben gearbeitet habe, in Schutt und Asche.“

Nova Poshta. Das Logistiknetzwerk, das das Land durchzieht, von der täglichen Post bis zur Frontversorgung. Beschädigt im Stadtteil Obolon.

MLP-Chaika. Ein Logistikzentrum am Rande Kiews. Möglicherweise eine Drohnenmontagestätte. Zerstört.

Novus. Epicentr. Liqui Moly Ukraine. Supermärkte, ein Baumarkt, ein Motorenöllieferant. Die Alltagswirtschaft, getroffen.

Dies sind keine militärischen Ziele im klassischen Sinne. Es sind wirtschaftliche Ziele. Russland sucht nicht nur Panzer zu zerstören. Es sucht die Ströme zu kappen, die die ukrainische Kriegsmaschine antreiben. Motorenöl, Ersatzteile, Postlogistik — alles ist Kriegsinfrastruktur, wenn das ganze Land im Krieg steht.

Luftabwehr unter Druck

Die Patriot-Systeme gehen zur Neige. CNN und die Washington Post bestätigen es. CSIS verweist auf eine Verbindung zum Iran-USA-Konflikt: Amerikanische Ressourcen werden vom Nahen Osten aufgesogen. Die ohnehin begrenzten Munitionsbestände werden auf zwei Schauplätzen gleichzeitig beansprucht.

Der ukrainische Energieminister erklärte, dass 80 Prozent der Stromkapazitäten des Landes zerstört oder beschädigt sind. Kraftwerke, Transformatoren, Hochspannungsleitungen — alles getroffen. Und nun die Lagerhäuser.

Die Ukraine kämpft mit schwindenden Beständen. Westliche Hilfe wird anderswo gebraucht. Jede abgefangene Rakete ist eine Rakete, die nicht ersetzt wird.

Ein Wirtschaftskrieg

Vor einigen Wochen traf die Ukraine Wildberries, das russische Logistiklager. Moskau antwortet mit dem Angriff auf Rozetka. Eine spiegelbildliche Eskalation, Infrastruktur gegen Infrastruktur.

Beide Seiten haben verstanden: Eine Armee hält nicht ohne Logistik. Panzer ohne Motorenöl bleiben stehen. Soldaten ohne Post verlieren die Moral. Drohnen ohne Ersatzteile starten nicht. Wirtschaftskrieg ist weniger spektakulär als eine Panzerschlacht. Auf lange Sicht könnte er verheerender sein.


Die Nacht des 4. August offenbarte eine Wahrheit, die die Ukraine nicht sehen wollte. Der Krieg ist nicht mehr nur an der Front. Er ist in den Lagerhäusern, den Lieferketten, den Kanistern Motorenöl.

Wie lange kann eine Kriegswirtschaft durchhalten, wenn ihre Logistikzentren eines nach dem anderen brennen?

Das Feuer verschlingt die Lagerhäuser. Aber es verschlingt auch die Fähigkeit der Ukraine zu kämpfen.


Von der Redaktion
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